"PISA" - Schock für die Kultusminister

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"PISA" - SCHOCK FÜR DIE KULTUSMINISTER

Die deutschen Schülerleistungen sind im internationalen Vergleich erschreckend schlecht! Unter 32 Staaten liegt Deutschland im Lesen und Verstehen von Texten auf    Platz 21, weit hinter Finnland, Kanada, Neuseeland, die die ersten Plätzen einnehmen. Deutschland liegt auch hinter England, Österreich, Frankreich, Spanien und Italien, sogar unter dem Durchschnitt aller OECD-Länder!

PISA - was bedeutet das ?

"PISA", wie bereits berichtet (EB 109), ist eine Studie der OECD (Organisation  für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), deren erster Teil im Dezember 2001 veröffentlicht wurde. Die Abkürzung "PISA" steht für "Programme for International Student Assessment", das bedeutet:  "Schülerleistungen im internationalen Vergleich". Deutschland beteiligte sich aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Kultusministern der Länder und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Verantwortlich für die Durchführung in Deutschland sind Wissenschaftler unter der Federführung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Berlin, mit seinem Direktor Prof. Dr. Jürgen Baumert.  

In jedem Land wurden im Sommer 2000 zwischen 4.500 und 10.000 Schüler und Schülerinnen im Alter von 15 Jahren in ihren Schulen getestet, und zwar in drei Bereichen:

  • Lesekompetenz
  • mathematische Grundbildung
  • naturwissenschaftliche Grundbildung

Das Schwergewicht mit zwei Dritteln der Test-Zeit lag im Jahr 2000 auf dem Bereich der Lesekompetenz. Weitere Testreihen werden 2003 und 2006 folgen, jeweils mit einem der anderen Bereiche im Schwerpunkt. Nach den bereits durchgeführten Tests zur mathematischen und zur naturwissenschaftlichen Grundbildung findet sich Deutschland  auf Platz 20, beide Male gleichfalls unterhalb des OECD-Durchschnitts. 

Was versteht PISA unter Lesekompetenz? "Lesekompetenz ist mehr als einfach nur lesen können". Es ist "die Fähigkeit, geschriebene Texte unterschiedlicher Art in ihren Aussagen, ihren Absichten und ihrer formalen Struktur zu verstehen und in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können, sowie in der Lage zu sein, Texte für verschiedene Zwecke sachgerecht zu nutzen" (aus "OECD/ PISA, Zusammenfassung zentraler Befunde", S. 10,  http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa). PISA unterscheidet fünf Stufen der Lesekompetenz von I (Elementarstufe) bis V (Expertenstufe).  Aufschlußreich für den Leistungsstand in Deutschland ist eine Graphik, die den prozentualen Anteil der Schüler und Schülerinnen in Kompetenzstufe I und in  Kompetenzstufe V aufzeigt: Mit dem großen Anteil der Schüler und Schülerinnen, die nur die Elementarstufe der Lesekompetenz erreichen, rutscht Deutschland auf den 27 Platz ab, bei der höchsten Kompetenzstufe reicht es zum 14. Platz, der aber immer noch unterhalb des OECD-Durchschnitts liegt.

Prozentualer Anteil von Schülerinnen und Schülern unter Kompetenzstufe I und auf Kompetenzstufe V: Gesamtskala Lesen
aus: Jürgen Baumert et al.: OECD PISA, "Zusammenfassung zentraler Befunde" (S.14)

Welche Folgerungen sind offenkundig?

Was Bundespräsident Herzog mit seinem Aufruf zu einem "Ruck" in der Berliner Rede 1997 nicht erreichte, PISA hat es erreicht: ein Ruck ging durch die Reihen der Verantwortlichen! In den ersten Wochen nach Veröffentlichung der Ergebnisse haben sich viele Politiker, Minister und Verbände geäußert und Reformen vorgeschlagen. Viele Schlußfolgerungen waren jedoch voreilig.
Nach aufmerksamem Verfolgen der Diskussion drängen sich folgendende Feststellungen auf: 

1. Aus dem guten Abschneiden von Finnland und Schweden - zwei Gesamtschulländern - darf man nicht schließen, daß Deutschland sein Schulsystem auf Gesamtschulen umstellen müsse, um einen besseren Platz zu erreichen. Das meinen zwar viele Gesamtschulbefürworter (z.B. die "Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen in NRW"). Wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) aber zutreffend ermittelte, ist für den Erfolg von Schule die sie tragende Kultur maßgebend, vornehmlich die generelle Wertschätzung schulischen Lernens, die Unterstützung durch das Elternhaus, die Bereitschaft zur Anstrengung. Diese Bedingungen sind in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Für Deutschland haben Studien - allen voran die Langzeitstudie BIJU für NRW (siehe EB 92, Sept. 1997) - klar erbracht, daß Gesamtschüler gegenüber Gymnasiasten und Realschülern in Englisch Mathematik, Physik und Biologie  Leistungsrückstände von mehr als zwei Schuljahren aufweisen.

2. Ebenso wenig würde eine Verlängerung der Grundschule auf 6 Jahre helfen. Eine Untersuchung  des MPIB  an etwa 14000 Gymnasiasten in 10 Bundesländern und West-Berlin hat vor vielen Jahren schon gezeigt, daß die Gymnasiasten in Bremen und Berlin mit 6-jähriger Grundschule ihren Mitschülern mit 4-jähriger Grundschule unterlegen waren und die Rückstände bis Klasse 7 nur teilweise ausgeglichen werden konnten. Vermutlich aus politischen Gründen wurde diese Untersuchung jedoch leider erst mit einer Verspätung von 20 Jahren veröffentlicht. Denn Ursache der Leistungsdefizite dürften hier ebenfalls die in Deutschland kaum überwindbaren Schwierigkeiten beim Unterricht in leistungsgemischten Lerngruppen sein.

3.  Auch mehr Ganztagsschulen lösen die Probleme nicht. An  Ganztagsschulen wird nach deutschem Schulrecht die gleiche Zahl an Unterrichtsstunden erteilt wie an Halbtagsschulen, nur werden die Stunden auf Vormittag und den frühen Nachmittag verteilt, der wegen des biologischen Rhythmus weniger ergiebig ist. Aus organisatorischen Gründen müssen in der Regel alle Schüler einer Schule am Ganztagsbetrieb teilnehmen, auch wenn sie diesen weder benötigen noch schätzen. Unstreitig aber werden mehr Ganztagsangebote - d.h. Betreuungsangebote -  für alle diejenigen Kinder und Jugendlichen gebraucht, denen ihr Zuhause eine Betreuung  über Mittag und am frühen Nachmittag nicht bieten kann.

4. Um bei Leistungsvergleichen erfolgreicher abzuschneiden, darf deutschen Kindern und Jugendlichen nicht weniger Unterricht erteilt werden als jenen anderer Länder. Aus der OECD-Untersuchung ergibt sich, daß Deutschland bei den 15-Jährigen um 42 volle Unterrichtsstunden im Jahr unter dem Mittelwert der OECD-Länder liegt. Das sind auf Schulstunden zu 45 Minuten umgerechnet fast zwei Unterrichtswochen. Hinzu kommt der aktuelle Unterrichtsausfall durch Schwangerschaften und Krankheit. Es muß also nicht nur dieser Ausfall weitgehend beseitigt werden, sondern zu fordern ist darüber hinaus, daß die Gesamtzahl an Unterrichtsstunden erhöht wird.

5. Es müssen Wege gefunden werden, darüber besteht In der Diskussion nahezu Einigkeit, um Kindern nicht-deutscher Muttersprache die deutsche Sprache so zu vermitteln, daß sie in der Schule am Unterricht voll teilhaben können. In früheren Jahren gab es für diese Kinder sogenannte Vorklassen, die leider abgeschafft wurden. 

6. Unhaltbar ist, daß Deutschland mit dem Anteil von 10 % der Jugendlichen mit extrem schwachen Lesekenntnissen viele Plätze vom OECD-Durchschnitt  entfernt liegt und nur von Lettland, Luxemburg, Mexiko und Brasilien übertroffen wird. Häufig ist zu hören, die Förderung schwacher Schüler müsse verstärkt werden. Würde nicht ein strafferer, mehr an Leistung orientierter Unterricht diesen Kindern, die offensichtlich außerschulisch keine Leseförderung erfahren,  besser helfen?

Welche sofortigen Konsequenzen sind zu fordern?    

1. A l l e  Eltern müssen Pflege und Erziehung ihrer Kinder - Aufgaben, die Artikel 6 Grundgesetz als elterliche Aufgaben festschreibt - ernstnehmen (vergleiche EB 107, Juni 2001). Es ist nicht Aufgabe der Schule, eine "Horde kleiner Wilder" zu einer Klassengemeinschaft zu formen.

2. Wie bereits im Leitartikel ausgeführt, dürfen die Kinder im Kindergarten nicht nur verwahrt werden, sondern sie müssen auf die Schule hingeführt werden. Sie sollen nicht bereits lesen und rechnen lernen, aber z.B. lernen zuzuhören, auch wenn Geschichten nicht interessant erscheinen,  und sich in Spielgruppen einzufügen, auch wenn sie zu dem jeweiligen Spiel zunächst keine Lust verspüren. Rasch zu verwirklichen sind solche neuen Aufgaben durch Erziehungsverträge mit den Eltern. 

3. In der Grundschule muß das Schwergewicht - so schon der Leitartikel - auf der Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen liegen. Die Grundfertigkeiten müssen sachverständig angebahnt, ausreichend erklärt und geübt werden.  Dazu gehören auch Hausaufgaben und deren Kontrolle in der Schule. 

4. In allen Schulen muß es landesweit klare Unterrichtsvorgaben und Mindestziele für jedes Schuljahr geben mit entsprechenden Kontrollen und zusätzlicher Förderung bei Defiziten. 

5. In der Lehreraus- und -weiterbildung ist der Anteil der Fachdidaktik zu erhöhen, vor allem in Mathematik und in den Naturwissenschaften. 

Dr. Gisela Friesecke
März 2002

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Stand: 22. Januar 2007