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Entwurf Lehrplan Geschichte für das Gymnasium - Sekundarstufe I
in NRW Stand 11. Mai 2007 In den Erläuterungen zur Entwicklung des Geschichtsbewußtseins
werden als Unterziele zutreffend die Fähigkeiten genannt, Ereignisse grob
chronologisch einzuordnen und real und fiktiv zu unterscheiden. Nicht zustimmen
können wir der weiteren generellen Aussage, daß die Darstellung von Geschichte
„Fragen folgt, die aus der Gegenwart an die Vergangenheit gestellt werden und
damit von jeweiligen Interessen abhängig sind.“ Gewiß gibt es derartige
interessengeleitete Darstellungen, aber sie sind nicht die Regel. Vielmehr haben
sich unzählige fähige Historiker bemüht, die Faktenlage historischer
Geschehnisse genau zu ermitteln und korrekt darzustellen. Der Vorspann zum Unterricht im Fach Geschichte (2.) und der
Abschnitt „Kompetenzentwicklung und Lernprogression“ (3.) sind viel zu
lang und schwülstig, um Hilfestellung für einen ansprechenden
Geschichtsunterricht zu bieten. Im Abschnitt 4. finden sich konkretere Angaben zu Kompetenzen,
Inhaltsfeldern und Schwerpunkten. Bedauerlich ist, daß auch der Kernlehrplan
Geschichte in das Kompetenzraster: Sachkompetenz, Methodenkompetenz,
Urteilskompetenz und Handlungskompetenz gepreßt wird, obwohl im Fach
Geschichte für Handlungskompetenz kaum Raum ist. Geschichte ist Gewesenes, das
zwar weiter in die Gegenwart und Zukunft hineinwirkt, sich aber einer Gestaltung
entzieht. Das angestrebte Geschichtsbewußtsein bedarf geschichtlicher Sach-,
Methoden- und Urteilskompetenz. Kompetenz zum Handeln jedoch gehört nicht dazu,
sondern in den Bereich von Politik und ist nicht mehr dem Fach Geschichte
zuzuordnen. Sachkompetenz und Methodenkompetenz (ebenfalls Urteils- und
Handlungskompetenz) sind aufgegliedert nach den Jahrgangsstufen 5/6 und 7-9. Sie
sind zu sehr spezialisiert und enthalten auch überflüssige Allgemeinplätze
wie z.B. bei Sachkompetenz für 5/6 „charakterisieren den historischen Raum
als menschlichen Handlungsraum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ oder
„benutzen zutreffende Zeit- und Ortsangaben“. Die Methodenkompetenz in 5/6
wird eingeleitet mit: „nutzen das Geschichtsbuch als schriftliches Medium der
historischen Information und deutenden Darstellung“. Dies kann ersatzlos
gestrichen werden! Bei der Sachkompetenz für 7-9 fehlt hingegen zu Beginn eine
wesentliche Kompetenz, nämlich „kennen moderne naturwissenschaftliche
Forschungsmethoden wie z.B. der Radio-Carbon-Methode“. Scharf abzulehnen ist,
daß als Kompetenz gefordert wird: „wissen, dass es sich bei der Darstellung
von Geschichte um eine Deutung handelt“. Dies ist nicht nur als
Generalisierung falsch, sondern widerspricht auch der geforderten Kompetenz,
„real“ und „fiktiv“ zu unterscheiden. Fraglos gibt es historische
Darstellungen, die nur auf Vermutungen aufgebaut sind. In großer Zahl führen
sie jedoch absolut gesicherte historische Fakten auf. Die sportlichen Wettkämpfe
im antiken Griechenland sind ebenso wenig eine Deutung wie die Ermordung Cäsars. Wichtig für die Sachkompetenz sind die Inhaltsfelder. Einführend
werden für die Inhaltsfelder folgende Aufgaben herausgestellt: 1.
hinreichende Betrachtung der Nationalgeschichte 2.
sehr früh Berücksichtigung der europäischen Perspektive 3.
Aufgreifen zentraler Aspekte der Weltgeschichte. Die
Aufgaben sind zu begrüßen, die Umsetzung ist jedoch durch die Auflistung
obligatorischer Inhaltsfelder erheblich eingegrenzt. Trotz der geringen
Stundenzahl für das Fach Geschichte in der Sekundarstufe I des Gymnasiums muß
eine grobe, aber durchgängige Chronologie der Vergangenheit vermittelt
werden, die keine Löcher aufweisen darf. Notfalls muß der Zeitraum nach dem
Zweiten Weltkrieg dem Geschichtsunterricht in der gymnasialen Oberstufe
vorbehalten bleiben. So
klafft zwischen dem Inhaltsfeld „Was Menschen im Altertum voneinander wußten“
- über dessen Bedeutsamkeit man durchaus anderer Meinung sein kann
- und dem Inhaltsfeld „Europa im Mittelalter“ ein Loch, das nicht
vertretbar ist. Als Teil unserer Nationalgeschichte ist die Behandlung von
Kelten und Germanen auf dem Boden des heutigen Deutschland ebenso unerläßlich
wie die der Völkerwanderung. Das
Schwerpunktthema „Reichsbildung in Westeuropa nach der Völkerwanderung“ im
Inhaltsfeld „Europa im Mittelalter“ ist zu schwammig formuliert. Es müssen
sowohl Karl der Große als auch die Gründung und Entwicklung des ersten
deutschen Reiches unter Heinrich I., den nachfolgenden Sachsen-, Salier- und
Hohenstaufenkaisern behandelt werden. Im
Inhaltsfeld „Neue Welten und neue Horizonte“ heißt ein Schwerpunkt
„Renaissance, Humanismus und Reformation“. Es geht nicht an, daß der
verheerende 30jährige Krieg auf deutschem Boden mit seinen weitreichenden -
auch politischen Folgen - unter „Reformation“ versteckt und damit möglicherweise
ausgeblendet wird. Im
Inhaltsfeld „Europa wandelt sich“ entsteht bei den Schülern ein falsches
Bild, wenn im Anschluß an die französische Revolution die Revolution 1848/49
behandelt werden soll. Dazwischen wirkte Napoleon und ereignete sich der erste
wirklich europäische Friedenskongreß, der Wiener Kongreß. Das kann nicht
ausgespart werden. Wenn „eine hinreichende Betrachtung der
Nationalgeschichte“ geplant ist, dann darf auch der Blick auf die Entwicklung
Preußens als Motor der deutschen Einigung und der Gründung des zweiten
deutschen Reiches nicht fehlen. Beim
Schwerpunkt „Merkmale des Ersten Weltkrieges“ im Inhaltsfeld
„Imperialismus und Erster Weltkrieg“ müssen die Gründe des Ausbruches und
das Ende des Krieges mit dem Vertrag von Versailles vermittelt werden, um den
weiteren Ablauf der Geschehnisse verständlich zu machen. Zusammenfassung:
Es ist richtig und begrüßenswert, daß auch die kulturellen Ereignisse und
Entwicklungen zu Schwerpunkten in Inhaltsbereichen des Geschichtsunterrichts
erklärt werden und kriegerische Geschehnisse mehr in den Hintergrund treten.
Diese Zielsetzung darf jedoch nicht dazu führen, daß den Schülerinnen und Schülern
eine Fehldeutungen begünstigende Chronologie geschichtlicher Abläufe
vermittelt wird. So nötig Hinweise auf Interessen und Deutungen im
Geschichtsunterricht sind, so kann doch nicht hingenommen werden, daß die
historischen Fakten in den Hintergrund rücken. Die Lehrplanverantwortlichen
sollten vermeiden, sich selbst dem Ideologieverdacht auszusetzen. Wir fordern
daher eine Überarbeitung des vorliegenden Kernlehrplanentwurfes. Essen/Recklinghausen,
den 8. Juni 2007 Landesvorsitzende |
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