|
Streitthema Schulsystem
|
Podiumsdiskussion
im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schulbuchpreises 2010 am 20. Juli 2010 in Bielefeld:
Streitthema Schulsystem: Vergleich der Lernergebnisse - im gegliederten
Schulsystem - in der Einheitsschule Referenten:
Josefine Paul, schul- u. sportpolitische
Sprecherin der GRÜNEN Landtagsfraktion NRW
Prof. Dr. Rainer Dollase, Professor für pädagogische Psychologie (em.),
Univ. Bielefeld
OStR. Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands NRW
Regine Schwarzhoff, Landesvorsitzende des Elternvereins NRW e.V. Vortrag Regine
Schwarzhoff, Landesvorsitzende des Elternvereins Nordrhein-Westfalen, Mitglied
seit 1989, Mutter von drei Kindern, seit 2001 Jurorin beim Deutschen
Hauptschulpreis „Starke Schule“ Unter Rücksicht auf
die vielen schon genannten Aspekte der Fragestellung Gegliedertes Schulwesen
oder „Gemeinschaftsschule“, wie sie ja jetzt vorzugsweise genannt wird, möchte
ich nur ein paar wenige Punkte hinzufügen. Gern würde ich diese besonders der
ersten Referentin Frau Paul direkt vortragen und bedauere es außerordentlich,
daß sie so früh gegangen ist. Darüber, daß
Investitionen in Bildung immer lohnender als spätere Reparaturmaßnahmen sind,
werden wir uns alle schnell einigen können, nehme ich an. Deshalb frage ich
mich aber, ob Frau Paul nicht den Vorgaben ihrer politischen Vorgänger zu sehr
verhaftet ist, wenn sie so kompromißlos für die flächendeckende Einführung
der „Gemeinschaftsschule“ eintritt. Ihre positive Haltung zu der von der rot-grünen Minderheitsregierung angestrebten Einheitsschule mit eigenen Erfahrungen als Schülerin der bischöflichen katholischen Friedensschule in Münster zu begründen, zeugt zumindest von großer Naivität, denn diese Institution hat bekanntlich eine außerordentliche Sonderrolle in Ausstattung, Umfeld, Schülerauswahl, Führung und Qualifikation, die nicht auf andere Gesamtschulen zu übertragen ist. Erwiesen ist, daß unsere Gesamtschulen gerade die Schülerklientel, um die es den jetzt Regierenden angeblich geht, am schlechtesten unterstützen und fördern, daß dort außerdem auch die stärkeren Schüler zu kurz kommen. Wir haben eine
Schulform, in der wir die angeblichen Segnungen der Gemeinschaftsschule und
deren Auswirkungen seit jeher an allen Kindern erproben: die Grundschule. Dort
sind alle Kinder gemischt in einer Klasse versammelt und haben reichlich
Gelegenheit, gemeinsam, voneinander und miteinander zu lernen. Leider müssen
wir jedes Jahr erfahren, daß es Kinder aus weniger bildungsbewußten Familien
gibt, die nicht etwa vom Zusammensein mit schneller Lernenden profitieren,
sondern dadurch beschämt, entmutigt und demotiviert werden. Diese Beobachtung
gibt es flächendeckend in nahezu jeder Grundschulklasse! Leider gibt es sogar
mitunter Lehrkräfte, die diesen Effekt noch verstärken, statt ihn abmildern zu
helfen. Weiter gibt es die
eindeutige Beobachtung, daß genau diese Kinder in der 5. Klasse aufleben, wenn
sie unter ähnlich begabten und interessierten Mitschülern plötzlich
die Entdeckung machen, daß sie nicht mehr immer zu den letzten, langsamsten,
„dümmsten“ gehören, sondern durchaus etwas leisten. Gerade für diese
Kinder ist eine Hauptschule die Rettung, weil sie durch diesen Effekt eine
selbstwertschützende Funktion hat. Das ist wissenschaftlich belegt und wird mir
zudem bei all meinen häufigen Hauptschulbesuchen geschildert und immer wieder
am Elterntelefon des Elternvereins bestätigt. An Einheitsschulmodellen wie der
in NRW geplanten oder der Hamburger Primarschule wird diese „Rettung“ der
Kinder um kostbare Jahre verschoben, falls sie dann überhaupt noch möglich ist
(nicht von ungefähr hat man in Niedersachsen die Orientierungsstufe für die
Klassen 5 und 6 vor wenigen Jahren abgeschafft). Hier für Hauptschulen den
Begriff „Restschule“ zu verwenden, wie Frau Paul es auch heute getan hat,
ist diskriminierend, unwürdig und empörend! Vergleichen wir doch mal die
Wahlerfolge einiger „Restparteien“ mit den Schülerquoten unserer
Hauptschulen! Gleichzeitig beobachtet
man schon in der Grundschule, wie Kinder, die dauerhaft geistig hungern, in die
innere Emigration gehen und trotz besonders guter Begabungslage entweder
verhaltensauffällig werden oder Lernbehinderungen entwickeln, unter Umständen
beides. Wenn wir heute zunehmendes Analphabetentum beklagen müssen, entstehen
diese Defizite ja nicht an der weiterführenden Schule, also durch die
sogenannte „Frühselektion“ der Schnellen von den Schwächeren, wie oft
vorgegaukelt wird, sondern hier sind schon viel früher die Kulturtechniken
nicht zuverlässig vermittelt und gefestigt worden – deutsch lesen und
schreiben lernen gehört nun mal in die Grundschule. Ein weiteres Problem
stellt der Umgang mit behinderten Kindern dar: Mit dem Stichwort „Inklusion“
erheben Grüne, Rote und Linke die als selbstverständlich hingestellte
Forderung nach Abschaffung der Förderschulen. Wie sollen aber die
hochqualifizierten Förderschullehrer, die jeder auf zwei von den sieben
verschiedenen Förderschwerpunkten spezialisiert
sind, so auf die Regelschulen verteilt werden, daß sie jedem einzelnen Förderschüler
die heutzutage gewährleistete, seinem festgestellten Bedarf entsprechende Förderung
weiterhin sicherstellen können? Und wer hat denn die Eltern gefragt, ob sie
alle ihr betroffenes Kind in die Regelschule geben wollen? Die UN-Konvention,
auf die man sich dabei stützt, ist vorrangig an die Staaten gerichtet, in denen
es für Behinderte gar keinen Zugang zu Bildung geschweige denn eine
Schulpflicht gibt, wie sie in Deutschland seit vielen Jahrzehnten etabliert und
durch die außerordentlich differenzierte Qualifikation der Lehrkräfte und der
Schulen vorbildlich gesichert wird. Außerdem wurde diese Konvention verfälschend
ins Deutsche übertragen – ich vermute, nicht ohne politische Absicht.
Entsprechend hält die nicht autorisierte deutsche Fassung, die außer
Deutschland noch Liechtenstein, Österreich und die Schweiz anerkannt haben,
einem Vergleich mit dem englischen Original nicht stand und wird noch dazu bei
uns gezielt fehlinterpretiert. Soviel zur Wahrhaftigkeit unserer
Bildungspolitik. Aber Frau Paul
steigerte ihre Schulsystemschelte noch: das „Schulsystem bestimmt den
Lebensweg“, habe ich als wörtliche Äußerung notiert. Wo, bitte, leben Sie,
Frau Paul, daß Sie noch nie von den Hauptschulabsolventen gehört haben, die
anschließend Abitur machen und studieren? Oder von den Realschülern, die ohne
jedes Hindernis ins Gymnasium wechseln? Oder von den Handwerksmeistern, die ihr
eigener Chef sind und später studierter Diplom-Ingenieur? Der Fleiß, die
Motivation und die Einsatzbereitschaft bestimmen den Lebensweg! In unserem
Schulsystem kann jeder etwas werden, der sich anstrengt und tüchtig ist. Von
den Fertigkeiten, die die Begabteren oder auch die „Überflieger“ erwerben,
profitiert hinterher die gesamte Gesellschaft, der ihre Erfindungen, Erfolge und
Arbeitsergebnisse zugutekommen. Also lohnt es sich, auch ihnen soviel geistiges
Futter zu gönnen und zu vermitteln, wie sie irgend verkraften können. Gefährlich wird es bei
den Plänen der Landesregierung, die eigene Verantwortung einfach an die unteren
Instanzen abzuschieben. Mit schönfärbenden Ausdrücken wie „Schulentwicklung
vor Ort“, Anpassung an „regionale Gegebenheiten“, kein „Diktat“ der
Schulpolitik, sondern „offener Prozeß“ – ich habe sehr gut zugehört –
soll dieser Rückzug aus der Verantwortung hübsch verschleiert werden.
Gleichzeitig wird mit Einführung der sogenannten „Drittelparität“ in den
Schulkonferenzen, also gleicher Stimmenzahl für Lehrkräfte, Eltern und Schüler,
die Entscheidungsmacht vor Ort in die Hände derer gelegt, die am leichtesten
fehlzuleiten und zu manipulieren sind. Die Lehrkräfte und die Schulleitung
sollen die Verantwortung tragen, aber entscheiden sollen mehrheitlich Schüler
und Eltern! Bei dem heutigen Engagement auch vieler Eltern, was die Beschaffung
von Hintergrundwissen und ausgewogenen Informationen betrifft, eine dramatische
Entgleisung – Schule ist nach der Verfassung schließlich
immer noch hoheitliche Institution mit staatlichem Bildungsauftrag und
Teilnahmepflicht! Hier entlarvt sich das Dilemma dieser Minderheitsregierung,
die keinen Wählerauftrag zum Umbau des Schulsystems hat und dieses Ziel dennoch
gegen alle Widerstände und sogar gegen die eigene Basis durchsetzen will.
Immerhin hat im April 2010, also kurz vor der NRW-Landtagswahl, eine
Forsa-Umfrage belegt, daß nicht einmal die erklärten Anhänger der
Links-Partei mehrheitlich die Einführung „einer Schule für alle“ befürworten
– 57% sind dagegen, die Anhänger der Grünen sprechen sich zu 65% dagegen
aus, die der SPD gar zu 71%! Zum Abschluß sei
Ihnen, Frau Paul, auch wenn Sie nicht mehr zuhören, ins Stammbuch geschrieben:
„Chancengerechtigkeit“, die Sie hier fordern, besteht längst im vorhandenen
System! Wo sie nicht gewährleistet wird, liegt es an Unzulänglichkeiten der
Menschen, die an diesem System beteiligt sind, Eltern, Familien, Lehrkräften,
Lebensgewohnheiten, kulturellem Hintergrund, ideologischer Verblendung. Daran müssen
wir arbeiten und an unserer Sozialpolitik, aber nicht durch eine Zerstörung
unserer Schulvielfalt! |
|
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: webmaster@elternverein-nrw.de Copyright 2003: Elternverein Nordrhein-Westfalen e. V. Haftungsausschluss: s. Impressum Stand: 11.02.2012 |